08. Dezember 2008
 
Tierheimfahrt nach Wieluń– der Reisebericht
von Christian Heiße 
 
Endlich wurde es konkret, die Woche für die Fahrt wurde bestimmt, ein zweiter Fahrer musste noch gefunden werden. Also habe ich meinen Bruder gefragt, von dem ich wusste, dass er auch immer für Hilfsprojekte zur Verfügung steht. Er hat auf Anfrage sofort zugesagt, dann haben wir den Reisetermin auf Freitag, den 5. Dezember festgelegt.
 
Bei SABRO wurde der LKW gepackt, Arne hat ihn dann am Donnerstag, den 4. Dezember zu uns an den Harzrand gebracht. Am selben Tag bin ich abends nach Berlin zu meinem Bruder aufgebrochen. Um 18:40 Uhr ging es los. Der LKW war ziemlich vollgeladen mit den Hilfsgütern, ein Transporter, wie wir ihn vorher angedacht hatten, hätte die vielen Sachen gar nicht fassen können. Mit dem vielen Gewicht war der LKW nicht gerade eine Rennmaschine. Die Fahrt nach Berlin verlief ohne Probleme und ohne nennenswerte Ereignisse. Gegen 22:00 Uhr war ich schließlich bei meinem Bruder. Die ersten 270 km der Strecke waren bewältigt.
 
Nach kurzer Nacht und eiligem Frühstück am nächsten Morgen ging die Fahrt um 5:30 Uhr los. Von Berlin nach Cottbus, dort über die Grenze, knapp 160 km geschafft. Die Fahrt bis dahin war ereignislos, die Straßen leer, das Wetter trocken. Draußen wurde es langsam heller. Der Grenzübertritt ist dank EU schnell erledigt, wir fahren nur durch unbesetzte Kontrollstellen.
 
Auf polnischer Seite erfolgt ein ganz kurzer Zwischenstopp, da der LKW Geräusche macht, die wir erst einmal erkunden müssen. Es ist eine gebrochene Auspuffschelle, die Schelle wird provisorisch durch Bindedraht ersetzt, also kann es weitergehen. Die Autobahn in Polen Richtung Wroclaw (Breslau) ist noch ein Relikt aus den 30er Jahren, viel wurde an ihr seitdem nicht repariert. Alle fahren auf der linken Spur, die rechte ist nicht wirklich zumutbar. Wenn mal ein Auto zum Überholen ansetzt, muss man notgedrungen doch nach rechts rüber, was nicht wirklich eine Freude ist. Martin fragt, warum die Straße aus so vielen Treppenstufen  besteht. Der LKW nimmt den Härtetest mit erstaunlicher Gutmütigkeit hin. Nach etlichen Kilometern hört die Altbaustrecke zum Glück auf, ab hier kann man wirklich von Autobahn sprechen un dunsere Rücken danken es wirklich.
 
Der Verkehr ist nicht vergleichbar mit dem Verkehr auf unseren Autobahnen, es ist viel weniger los. Daher verläuft die Fahrt auch hier ereignislos. Bis Wrocław...  Da müssen wir durch die Stadt. Vorher war ich noch guten Mutes, dass wir am frühen Mittag in Wieluń eintreffen. Wrocław belehrt uns eines Besseren. So einen Verkehr habe ich noch nie erlebt (und ich bin eigentlich schon eine Menge unterwegs gewesen). Der Routenplaner gibt uns ca. 15 Minuten vor, die Fahrt durch die Stadt dauert über eine Stunde. Chaos pur! Teilweise haben wir den Eindruck, dass jeder das macht, was ihm gerade einfällt. Besonders die Hinweise für LKW werden geflissentlich übersehen. Hinweise auf Durchfahrthöhen oder Gewichtsbeschränkungen: So etwas ignoriert man. Alles was passt, wird auch gemacht (dabei meine ich nicht uns, wir mit dem Kleinlaster sind nur fassungslos, was die großen LKW so machen).
 
Endlich haben wir Wrocław hinter uns gelassen, die weiter führende Straße ist neu ausgebaut, wir kommen gut voran. Da hier offensichtlich viele Autofahrer die Strecke als Rennstrecke umfunktionieren, steht alle paar Kilometer ein Blitzgerät. Da die Blitzgeräte aber alle angekündigt sind, bremsen viele nur für die Geräte ab, um danach wieder zu beschleunigen (ist also auch nicht anders als bei uns).
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Gegen 14:00 Uhr kommen wir endlich nach ca. 470 km von Berlin aus in Wieluń an, aber zum Tierheim kommen wir noch nicht, da der Wochenmarkt, an dessen Rand das Tierheim liegt, gerade abgebaut wird. Es gibt nur eine schlammige, unebene Zufahrt. Die Standbetreiber sind alle bemüht, schnell von hier weg zu kommen, wir müssen uns fast mit Gewalt den einspurigen Weg entlangquälen. Dank eines beherzt eingreifenden Polen kommen wir die 50 m lange Strecke doch noch entlang und sind endlich bereit zum Ausladen.
 
 
 
 
 
 
Die Tierheimleiterin und Mitarbeiter des Tierheims sind einige da, viele Hände nehmen die Waren an. Das Tierheim ist allerdings mit der Menge der gelieferten Sachen zunächst überfordert. Es passt nicht alles hinein. Vorsorglich war schon vor dem Haus eine Plane ausgebreitet, auf die die Kartons und ein Sofa gestellt werden können. Waren wie Medikamente, Hundebetten usw. kommen aber sofort ins Haus und in besondere Verwahrung. Dafür sorgt Frau Krysia, die Leiterin des Tierheims.  Sie sorgt auch für die Kommunikation, indem sie eine junge Frau herbeiholt, die gut Englisch spricht. Mit ihrer Hilfe kommen wir auch gut klar.
 
 
 
Während wir ausladen, kommt noch ein junger Mann an und wartet zunächst, bis wir ausgeladen haben. Dann stellt er sich vor, er ist ein Mitarbeiter eines polnischen Radiosenders und hat ein Mikrofon und ein Aufnahmegerät bei sich. Er will über die Hilfslieferung und über das Tierheim berichten. Da er auch gut Englisch spricht, klappt die Verständigung recht gut. Er will vieles wissen. Wer sind wir, warum liefern wir Hilfsgüter nach Wieluń, warum ausgerechnet nach Wieluń, was bringt Deutsche dazu, einem polnischen Tierheim zu helfen, warum nehmen wir polnische Hunde mit nach Deutschland, warum brauchen Hunde Betten usw.
Er ist aber sehr positiv eingestellt, er will auch wissen, wie die Fahrt läuft, wie lange man fährt, wie wir die polnischen Straßen beurteilen (er ist sehr erstaunt, dass wir sie als gut ansehen). Danach wendet er sich Frau Krysia zu und interviewt sie. Also können wir uns wieder um unseren Auftrag kümmern. Ich bitte um die Möglichkeit, die Hunde zu besichtigen, was auch sofort ermöglicht wird. Unsere Dolmetscherin ist allerdings nach der Aktion verabredet und entsprechend gekleidet, daher kann sie nicht mit hinein, . Sie organisiert allerdings eine „Führerin“.
 
 
 
 
 
 
Dann komme ich auf den Hof und stehe sofort in einer Traube aus aufgeregt neugierigen Hunden, die mich sofort anspringen und um Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten betteln. Aber alle sind lieb und freundlich. Dann kann ich mich auf dem Hof umsehen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Neben den vielen Hunden und einigen Hütten fallen mir die Isolatkis auf, die wenig einladend aussehen. Die Türen sehen aus, als ob sie aus Panzerfahrblechen hergestellt wären. Sehr stabil, aber wenig lichtdurchlässig. Ich muss dicht herangehen, um die Hunde überhaupt erkennen zu können. Alle drei Isolatkis sind jeweils mit mehreren Hunden belegt. Fotografieren kann ich sie nicht, die Kamera schafft es nicht, durch die Bleche hindurch die Hunde zu erwischen.
 
 
 
 
 
 
 
 
Es liegt nur sehr wenig Hundekot herum, es ist überdeutlich, dass hier sehr auf Sauberkeit geachtet wird und nicht nur, weil Besuch da ist. Dann geht es durch eine sehr enge Tür hindurch in den zweiten Hof hinein.
 
 
Viele Zwinger nebeneinander, häufig mit vier Hunden belegt, nur jeweils ca. einen Meter breit und vielleicht 2,5 Meter lang. Die Abtrennung zwischen den Zwingern besteht aus Maschendraht, der zum Teil große Öffnungen von Zwinger zu Zwinger aufweist. Die Türen sind aus Gitterstäben oder auch aus Maschendraht.
 
Der Geräuschpegel ist unbeschreiblich. Auf dem Hof vor den Zwingern laufen auch viele Hunde herum, es stehen einzelne Hütten auf dem Hof. Dann geht es durch die nächste enge Tür hindurch in den dritten Hof, der Anblick ist genau wie im zweiten Hof:  Hunde und nichts als Hunde. Das Tierheim ist völlig überbelegt.
 
 
So weit ich sehen kann, ist aber alles sauber und wird gepflegt. Die Mitarbeiter sind offensichtlich sehr engagiert. Nach dieser Besichtigung der Höfe versuche ich noch, das Gebäude zu besichtigen, das wird aber höflich abgelehnt, da laut Übersetzerin das Haus voll ist und die Mitarbeiter alle am räumen sind - die vielen Hilfsgüter!
 
Also kann ich nur ein paar Fragen stellen, wie die räumlichen Möglichkeiten aussehen. Zunächst gab es im Vorfeld Irritationen darüber, ob sich das Tierheim auch noch um andere Tiere als Hunde kümmert. Das wird aber verneint, es geht nur um Hunde. Davon sollen aber zurzeit ca. 130 bis 150 im Tierheim sein (die Übersetzerin weiß es nicht genau), gebaut ist es nur für ca. 70 Hunde. Es gibt eine Futterküche im Haus und einen Raum für die kranken Hunde. Die Ausstattung des Raumes kenne ich aber nicht. Hier müssen wir noch auf Fotos warten, die von den Mitarbeitern vor Ort gemacht werden
 
Als wir da waren, liefen einige Hunde im Haus herum, aber es wurde versichert, dass nachts nur die kranken Hunde im Haus sein dürfen. Die Räume werden mit Holz geheizt, daher sind die Holzbriketts gerne gesehen und erleichtern die Arbeit der Mitarbeiter. Ein Tierarzt, der die Hunde für das Tierheim versorgt, ist in der gleichen Straße nur wenige hundert Meter entfernt. Man scheint mit dem Arzt auch zufrieden zu sein. Damit war die offizielle Besichtigung und Befragung am Ende.
 
Wir wollten auch nicht zur Last fallen, da wir den Eindruck hatten, jetzt überflüssig zu sein. Für die Mitarbeiter war auch noch sehr viel zu tun, die halbe Ladung des LKW stand noch vor der Tür. Also haben wir den letzten Punkt in Angriff genommen und die beiden Hunde Tola und Pimpus, die auf der Rückfahrt mit nach Deutschland kommen sollten, eingesammelt. Es war natürlich schon alles vorbereitet, Tola stand angeleint im Vorraum und sah gar nicht glücklich aus:
 
       
 
Dass sie sich unwohl fühlte zeigte sich auch, als wir sie in die Box zu bringen versuchten. Das ging nur mit Trick und Überredungskunst. Aber Frau Krysia geht so toll mit den Hunden um, dass auch dieses Kunststück bewältigt wurde.
 
 
 
 
 
 
 
Dann noch Pimpus, der gerade gerade frisch vom Tierarzt kam, in seine Box, die Boxen auf den Beifahrersitz geschnallt und nach kurzer, formloser aber freundlicher Verabschiedung zurück auf die Straße.
 
 
 
 
 
 
 
Noch war es hell, also ging die Fahrt gut, der Verkehr war auch gut erträglich, das Wetter war immer noch sehr gut. Straßen- und Lufttemperatur (wurde an vielen Stellen der Strecke angezeigt) lag bei ca, +5°C. Die Fahrt ging gut, bis wir nach Wrocław kamen, da fingen die Probleme wieder an. Der Verkehr war genau so Furcht erregend wie auf der Hinfahrt. Es dauerte wieder eine Stunde bis wir durch waren. Als wir es endlich geschafft hatten, waren wir beide Schweiß gebadet.
Zu der Rücktour muss noch erwähnt werden, dass der LKW gut geeignet ist, um die Waren nach Wieluń zu bringen, aber er ist überhaupt nicht geeignet, um zwei Hunde im Führerhaus mit zurück zu nehmen. In den Koffer konnten wir sie aber auch nicht guten Gewissens packen. Also haben wir uns zusammengezwängt. Es war unbeschreiblich unbequem und beengt, der Beifahrer konnte sich nicht bewegen. Auf die Art konnten wir nicht auf die Karte sehen und haben an einer Stelle die falsche Abfahrt genommen. Wir sind immer der Beschilderung nach Deutschland nach gefahren, haben uns aber leider die falsche Strecke nach Deutschland ausgesucht. So haben wir zwar die Holperstrecke bei Cottbus umgangen, sind aber leider in Görlitz über die Grenze gefahren und mussten auf diese Weise den Weg über Dresden nehmen. Das hat uns einen Umweg von ca. 130 km eingebracht und zwei zusätzliche Stunden Fahrt eingebracht.
 
 
 
Dadurch sind wir erst um Mitternacht in Berlin angekommen. Da die beiden Hunde nicht im Auto bleiben konnten, stand noch die letzte Strecke bis an den Harzrand an. Um Punkt 3 Uhr am Samstag war ich endlich zu Hause und die Hunde konnten ausgeladen werden. Sie konnten bei uns in der Küche übernachten, die wir mit einem kleinen Holzgitter zur Wohnung hin abtrennten. Der kleine sensible Pimpus suchte das wärmende Rotlicht und beide verbrachten eine ruhige Nacht und genossen die Kuscheleinheiten. Unsere beiden eigenen Hunde schliefen friedlich im Wohnzimmer. Als wir mit allem fertig waren, war es schließlich 4 Uhr früh.
 
 
 
Die Gesamtbilanz:
  • 1533 km in 22,5 Stunden, ca. 250 l Diesel verbraucht, dafür aber wirklich hilfreiche Waren nach Wieluń gebracht und zwei Hunde geholt.
  • Für die beiden Fahrer gilt: wenig Schlaf, Rückenschmerzen, aber alles ohne Probleme überstanden.
  • Der LKW hat nach der Tour leider eine Begrenzungsleuchte weniger, da war ein Baum in Wieluń im Weg, einige kleinere Reparaturen müssen noch zusätzlich erledigt werden, aber im Großen und Ganzen hat er die Tour unbeeindruckt bewältigt.
  • Die Mitarbeiter in Wieluń haben durch die Fahrt und nach der Anlieferung viel Arbeit gehabt, aber die mitgebrachten Waren dürften ihnen Teile der Arbeit sehr viel leichter machen.
 
Damit ist dem Tierheim aber nicht auf Dauer geholfen!
 
Was man sich dort am spontan für die nächste Zeit wünscht, ist mehr Futter, Medikamente und Holzbriketts zum Heizen.
 
Zum Schluss bleibt mir vor allem der Dank an meinen Bruder, der sich ohne Zögern auf die Fahrt eingelassen hat. Ohne ihn wäre die ganze Angelegenheit nicht so ohne weiteres möglich gewesen. Vor allem hat sie mit ihm zusammen – trotz aller Strapazen – Spaß gemacht.
 
 
Und wir von SABRO möchten uns für diese tolle Leistung bei den beiden ganz herzlich bedanken!!! Sie haben die Hilfsgüter sicher nach Wielun gebracht und uns von SABRO wichtige Eindrücke vermittelt, die uns sehr helfen, weitere Hilfsaktionen mit den Wielunern abzusprechen. Wir sind beeindruckt von der Mammutleistung, diese Strecke an einem Tag zu schaffen - das schafft nur ein gut eingespieltes, sich gegenseitig vertrauendes Team.
Dass Tola und Pimpus auf diese Weise schneller in ihre Familien kamen, als wir es uns hätten träumen lassen, finden wir auch ein riesiges Dankeschön wert!
 
Vielen vielen Dank an Christian und Martin!